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Inflationsdruck dürfte anhalten

by best-of-finance

Inflation bleibt ein Thema, das die Märkte beschäftigt, denn die aktuellen Statistiken fallen keineswegs positiv aus. So betrug die Inflation in der Eurozone laut Schätzungen der EU-Statistikbehörde Eurostat im November 2021 4,9

% – der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1997. In den USA lag die Preissteigerung im selben Monat bei 6,8

% und war damit die höchste seit Juni 1982. Beispielsweise war bei Lebensmitteln ein starker Preisanstieg zu beobachten.

Zunächst wurde darüber diskutiert, ob der Inflationsdruck nur vorübergehend ist. Die Inflationsdaten scheinen jedoch einen längerfristigen, dauerhafteren Trend aufzuzeigen. Die Zentralbanken stellen sich daher darauf ein, die außerordentlichen geldpolitischen Anreize, die zur Unterstützung der Volkswirtschaften während der Pandemie eingesetzt wurden, zurückzufahren.

Tiefer gehende Gründe

Dabei gab es in den vergangenen 15 Jahren in den Industrieländern kaum Inflation, weil die Zentralbanken die Deflation mit niedrigen bis negativen Zinssätzen bekämpften. Die aktuelle Lage sieht nun anders aus. Schocks auf der Angebotsseite – eine der Hauptursachen für Inflation – wurden zunächst auf Covid-19 und die sich daraus ergebenden Folgen geschoben, da die Länder enorme fiskalische Anreize schafften, um ihre Volkswirtschaften anzukurbeln. Wir sind jedoch der Meinung, dass hier tiefer gehende Gründe vorliegen.

Der pandemiebedingte Stillstand der Weltwirtschaft hat mehrere langfristige Trends beschleunigt, die zu den aktuellen angebotsseitigen Schocks und der daraus folgenden Rückkehr der Inflation geführt haben. Diese veränderte Dynamik gilt es zu beleuchten.

Hier wäre zunächst der Trend hin zu erneuerbaren Energien zu erwähnen. Wir sehen Anzeichen für eine Energiewende, denn die Welt verringert ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und konzentriert sich auf erneuerbare Energien.

In Europa ist dies bereits zu beobachten, weil ein rascher Anstieg der Energienachfrage mit einer Umstellung auf sauberere Energiequellen einhergeht.

Die Gaspreise sind daraufhin in die Höhe geschossen und haben die Inflation weiter angeheizt. Mit dem bevorstehenden Winter in der nördlichen Hemisphäre ist es wahrscheinlich, dass sich die Verknappung noch stärker bemerkbar machen wird.

In China tragen zunehmende Umweltbedenken dazu bei, den Einsatz von Kohle zu reduzieren. Hier fällt ein geringeres heimisches Kohleangebot (in Verbindung mit geopolitischen Auseinandersetzungen wie der Blockade von Energieimporten aus Australien) in eine Zeit, in der das Land im Zuge der Ankurbelung der Wirtschaftstätigkeit nach der Krise ebenfalls mit einem erhöhten Energiebedarf konfrontiert ist.

Die weltweite Umstellung auf erneuerbare Energien erfordert enorme Übergangsinvestitionen und könnte daher zu einer anhaltenden Inflation führen. Schließlich handelt es sich nicht um ein kurzfristiges Problem – wir gehen davon aus, dass die Umstellung weit über ein Jahrzehnt dauern könnte.

Tatjana Greil-Castro ist Co-Head Public Markets und Portfoliomana­ger bei Muzinich

Doch selbst im Kampf gegen den Klimawandel erschweren Wetterveränderungen die Erzeugung planbarer erneuerbarer Energien, was zu weiteren Engpässen führt. Eine einfache Lösung für die Lücke zwischen Angebots und Nachfrage ist unwahrscheinlich.

Neben den zunehmenden Schwierigkeiten bei der Energieerzeugung treibt der Klimawandel auch die Kosten für Lebensmittel in die Höhe. So waren die Ernten in Südamerika in diesem Jahr von Dürre und Überschwemmungen betroffen. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes und anderer Lebensräume, die als Kohlenstoffsenker fungieren, verstärkt den Klimawandel weiter, was sich auf die Nutzpflanzenproduktion auswirken und den Preisen weiter Auftrieb geben wird.

Ein weiterer durch die Pandemie beschleunigter Trend ist die Deglobalisierung. Die Zunahme autarker Regierungsstrategien verschärft Lieferengpässe und führt vor Augen, wie stark die Lieferketten voneinander abhängig geworden sind. Ereignisse wie der Brexit und die Verschlechterung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China führen zu weiteren Unterbrechungen der Lieferketten und folglich zu Inflation.

Die pandemiebedingten strukturellen Veränderungen wirken sich aufgrund höherer Lohnforderungen auch auf den Inflationsdruck der zweiten Runde aus. Dies ist insbesondere in den USA zu beobachten, wo die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte in einer Zeit höherer Nachfrage abnimmt. Da die Lebenshaltungskosten bei stagnierenden Löhnen steigen, werden wir wahrscheinlich noch mehr Fälle von höheren Lohnforderungen erleben. Gleichzeitig haben die Arbeitgeber Mühe, Arbeitskräfte zu rekrutieren.

In der Zwischenzeit macht sich auch der demografische Wandel deutlich bemerkbar. Die Bevölkerung altert in zahlreichen Ländern, und Mitarbeiter, die in den Ruhestand gehen, werden nicht ersetzt. Wir glauben, dass sich das Bildungssystem auf ein enges Spektrum an Beschäftigungsmöglichkeiten konzentriert hat. Infolgedessen besteht in weniger bildungsorientierten Berufen in einigen bestimmten Sektoren nun häufig ein Mangel an Nachwuchskräften.

Notenbanken gefragt

Haben Politiker und Zentralbanken die Macht, die Inflation angesichts so vieler widersprüchlicher Einflüsse zu kontrollieren? Viele Jahre lang hatte die Europäische Zentralbank Mühe, mit einem Durchschnitt von 0,9

% pro Jahr seit 2013 ihr Inflationsziel von annähernd 2

% zu erreichen. Es stellt sich die Frage, ob die für die Finanz- und Geldpolitik Verantwortlichen den Mut haben, angesichts der bereits zunehmenden Unsicherheiten durch angebotsseitige Schocks und andere globale Veränderungsprozesse eine mögliche Rezession zu riskieren.


Im vergangenen Jahr um diese Zeit waren wir mit den pandemiebedingten Unsicherheiten konfrontiert. In diesem Jahr – und wahrscheinlich auch darüber hinaus – scheint die Inflation eines der Hauptthemen der Debatte zu sein.

Für uns als Anleiheinvestoren bleibt das Makro-Umfeld ein wichtiger Faktor. Wir beurteilen die Bewertungen und unsere Positionen weiterhin vor dem Hintergrund einer unsicheren Inflationsentwicklung, die unserer Meinung nach das Ergebnis einer starken Konvergenz von Faktoren ist. Diese werden sich mit den derzeitigen geld- und fiskalpolitischen Überlegungen nicht so leicht kontrollieren lassen.

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