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Stabilität bei hohen Zinsen

by best-of-finance

Von Stefan Grünwald

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Bis 2016 war das ägyptische Pfund, bis auf kleinere Anpassungen, an den Dollar gekoppelt. Im März desselben Jahres entschloss sich die Notenbank, die Währung kurzfristig massiv abwerten zu lassen. Innerhalb weniger Tage verlor das ägyptische Pfund kräftig und halbierte sich vorübergehend sogar von 8,80 auf 18 Pfund pro Dollar. Hintergrund für die Entscheidung war ein beachtliches Budgetdefizit von rund 10

% – mit Spitzen von bis zu 13

% – sowie hohe Inflationsraten von bis zu 20

%, die eine reale Aufwertung der Währung bedeuteten. Da Ägypten die notwendigsten Güter importieren muss, schlug die Inflation automatisch auf die Preise durch. Das führte zu Kaufkraft- und Nachfrageverlust mit negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Ägypten benötigte zu diesem Zeitpunkt dringend Stabilisierung und Geld für strukturelle Reformen, um den Tourismus anzukurbeln und ausländische Investoren und Devisen ins Land zu bringen. Daher beschloss die politische Führung um Präsident Abdel Fatah El-Sisi­ im Zuge der Abwertung ein vom Internationalen Währungsfonds (IWF) angebotenes dreijähriges Rettungsprogramm zu akzeptieren: Für die in Aussicht gestellten 12 Mrd. Dollar forderte der IWF, dass Ägypten seine Ausgaben im öffentlichen Sektor reduzieren und den Arbeitsmarkt reformieren sollte. Darüber hinaus sollten eine Mehrwertsteuer von 14

% eingeführt und bessere Finanzierungsmöglichkeiten für junge Unternehmer bereitgestellt werden.

Radikaler Reformkurs

In den folgenden Jahren ist Ägypten ein, für seine Verhältnisse, ra­dikaler Reformkurs gelungen. Das Land schaffte es, einige wichtige soziale Verbesserungen umzusetzen und Effizienzsteigerungen in der Administration zu erzielen. Neben den Geldern des IWF erhält das Land – über Swap Agreements – auch kräftige Unterstützung von anderen Staaten aus dem Nahen Osten, darunter Katar und Saudi-Arabien. Für diese ebenfalls autoritär geführten Staaten ist Ägypten ein wichtiger Stabilitätsfaktor in der Region und verlässlicher Partner im Kampf gegen die islamistische Muslimbruderschaft. Diese hatte 2012 nach dem Arabischen Frühling kurzfristig die politische Führung übernommen, wurde 2013 aber vom ägyptischen Militär bei einem gewaltsamen Staatsstreich wieder gestürzt.

Abdel Fatah El-Sisi, der Ägypten seit 2014 autoritär führt, ist es in den vergangenen Jahren gelungen, das Land ökonomisch zu stabilisieren und deutliche Verbesserungen herbeizuführen. So ist Ägypten nach und nach zu einem attraktiven Anlagemarkt für Investments im Euro-Bond-Bereich geworden, mit denen man in einer Phase fallender Dollar-Zinsen hohe Renditen erzielen konnte.

2017 stabilisierte sich das ägyptische Pfund bei ungefähr 18 Dollar und Investoren begannen damit, die Währung gegen den Dollar zu kaufen. Das Pfund wurde bis 2018 von der Zentralbank stabil gehalten, um die (importierte) Inflation von bis zu 20

% im Land zu bekämpfen. Das reduzierte zwar die Wachstumsaussichten, aber gleichzeitig auch den Preisauftrieb im Land. Seit 2018 ist die Inflation in Ägypten stark zurückgegangen und 2020 durchschnittlich auf 5,5

% und 2021 auf 4,5

% gesunken, wobei auch die Pandemie eine Rolle gespielt hat. Für dieses Jahr wird wieder ein Preisanstieg um 6,5

% erwartet und für 2023 eine Teuerung von 7

% prognostiziert. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Fixierung der Währung durch die Zentralbank, trotz leichten Aufwertungstrends und Realaufwertung, die Situation stabilisiert hat.

Gleichzeitig ist es der Regierung gelungen, in dieser Phase auch das Budget zu stützen. Betrug die Bruttoverschuldung 2017 noch mehr als 100

%, so wird sie 2022 bei unter 90

% liegen. (Durch die Abwertung haben sich die Dollar-Schulden relativ zum BIP erhöht, weswegen die Verschuldung von 70

% im Jahr 2012 auf ungefähr 100

% im Jahr 2017 gestiegen ist.) Das zeigt deutlich, dass die Verschuldungsdynamik gebrochen werden konnte – mit einem Maßnahmenpaket, das wirtschaftliches Wachstum zulässt. In den Jahren 2018 und 2019 ist Ägypten jeweils um mehr als 5

% ge­wachsen, und trotz Corona-Pandemie weist das Land auch in den vergangenen beiden Jahren durchschnittlich 3,5

% Wachstum auf. Prognosen gehen davon aus, dass das Land nun sogar um rund 5

% wachsen könnte.

Den durch Covid-19 verursachten wirtschaftlichen Einbruch hat Ägypten recht schnell weggesteckt, wobei das Land im Vergleich zu anderen Staaten nur wenige pandemische Maßnahmen gesetzt hat. Als Gegenmaßnahme zu den erwarteten Rückgängen bei den Einnahmequellen Ägyptens, vor allem beim Tourismus, wurde ein bemerkenswertes Rettungs- bzw. Konjunkturpaket von rund 6 Mrd. Euro geschnürt. Diese positive ökonomische Entwicklung hat viele Investoren motiviert, im Lokalwährungsbereich aktiv zu werden: Die fixe Währung, die hohe Verzinsung von rund 10

% sowie die Chance, über eine Aufwertung des Dollar gegenüber dem Euro weiter zu profitieren, hat viele Währungsinvestoren ins Land gelockt. Auch mit ägyptischen Dollar-Anleihen haben Anleger über die vergangenen Jahre sehr gut verdient.

Defizit erhöht

Was nun aber auffällt, ist das Auseinanderlaufen der Leistungsbilanz, bedingt durch die reale Währungsaufwertung und die Tatsache, dass Ägypten ein starker Rohstoffimporteur, im Speziellen von Öl, ist. War die Entwicklung bislang noch im grünen Bereich, geht der Trend seit zwei Jahren in die falsche Richtung. 2021 hat sich das Budgetdefizit Ägyptens gegenüber 2020 von 3

% auf fast 4

% erhöht. Durch die recht hohe Dynamik, die im Inflationsgefüge für 2022 zu erwarten ist, wird Ägypten sicherlich über dem globalen Durchschnitt der Teuerung liegen. Aufgrund von Basiseffekten wird es wieder eine reale Aufwertung geben, und diese reale Aufwertung bringt natürlich den Exportsektor unter Druck. Auch der Tourismus kommt nicht so stark in Fahrt wie erhofft. Das drückt auf die Leistungsbilanz, und so baut sich ein Ungleichgewicht auf, das mit gewissen Risiken verbunden ist.

Aus unserer Sicht dürfte der Aufwärtstrend daher vorerst gestoppt sein. Lokale ägyptische Anleihen können aber weiterhin als attraktiv bezeichnet werden. Dennoch rückt die merkliche Änderung der Lage in Ägypten Märkte wie Angola oder Nigeria in den Fokus der Investoren. Sie bieten ein ähnliches Setting, verfügen aber zusätzlich über Öleinnahmen und damit über eine teilweise bessere Budgetsituation.

*) Stefan Grünwald ist Fondsmanager im Team „CEE & Global Emerging Markets“ bei Raiffeisen Capital Management.

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