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MEINUNGAnlage-Klassiker Mogelpackung MSCI World? Was wirklich in dem Index steckt

by best-of-finance

Gerade für Börseneinsteiger gilt er als gut geeignet: Der MSCI World kommt oft als Rundum-sorglos-Paket daher. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Was Anleger über den „Welt“-Index wissen sollten.

Überblick
  • Kritik 1: Im MSCI World steckt gar nicht die ganze Welt
  • Kritik 2: Der MSCI World ist zu USA-lastig 
  • Kritik 3: Einige Firmen haben zu viel Gewicht
  • Fazit: Mogelpackung ja oder nein?

Einer der beliebtesten Aktienindizes steht in der Kritik: Der MSCI World sei eine „Mogelpackung“, liest man in letzter Zeit immer häufiger in Printmedien und im Internet. Was ist dran an dieser Behauptung? Haben sich wirklich Millionen Privatanleger täuschen lassen? Diesen Fragen gehe ich nach und zeige Ihnen, wie ich selbst mit dem Index-Klassiker umgehe.

Der Mogelpackung-Vorwurf bezieht sich auf drei Merkmale des Index und dementsprechend der Aktien-ETFs, die den Index abbilden:

Kritik 1: Im MSCI World steckt gar nicht die ganze Welt

Erstens, der MSCI World Index – dessen vollständiger Name „MSCI World Standard Index“ lautet – sei gar kein „Welt“-Index, weil er die Aktien von Schwellenländern außen vor lasse. Diese Feststellung ist korrekt, wenngleich uralt.

Im MSCI World Index werden – trotz des latent irreführenden Namens – lediglich die Börsen von 23 entwickelten Volkswirtschaften (Industrieländern) berücksichtigt. Nicht enthalten sind die Börsen aus den über 25 volkswirtschaftlich am weitesten fortgeschrittenen Schwellenländern (Emerging Markets), darunter die beiden ökonomischen Dickschiffe China und Indien.

Der „ETF-Papst“
Dr. Gerd Kommer ist seit mehr als 20 Jahren Bestsellerautor für Investment-Ratgeberbücher. Zugleich ist er Geschäftsführer der Gerd Kommer Capital GmbH, einer digitalen Vermögensverwaltung, bei der Kunden bereits mit kleinen Beträgen starten können, sowie der Gerd Kommer Invest GmbH, einem Honorarberatungsunternehmen. In seiner t-online-Kolumne schreibt er gemeinsam mit seinen Kollegen Felix Großmann und Daniel Kanzler alle zwei Wochen über sein Spezialgebiet: den langfristigen Vermögensaufbau mit ETFs.

Wer als ETF-Anleger auch Schwellenländeraktien im Depot haben möchte (ich halte das für sinnvoll), kann das über die Beimischung eines ETF auf den MSCI Emerging Markets erreichen (mehr dazu in diesem Video) oder über einen ETF auf den MSCI ACWI Index.

„ACWI“ steht für All Country World Index. Dieser im Vergleich zum MSCI World breitere Index umfasst die 23 + 25 = 48 Industrie- und Schwellenländer. Daneben gibt es ähnlich breit gestreute „Welt“-Indizes von anderen Indexanbietern, die über ETFs abgebildet werden können. Mehr zum MSCI ACWI lesen Sie hier.

Warum der irreführende Name?

Nun könnte man fragen, warum die Firma MSCI ihren Flaggschiff-Index MSCI „World“ nannte, obwohl er nur rund drei Viertel des Weltaktienmarktes abdeckt. Das dürfte historisch bedingt sein.

Der Index wurde 1986 geschaffen. Mitte der 1980er-Jahre hatten institutionelle und private Anleger Schwellenländer als Investmentregion noch gar nicht auf dem Schirm. Beispielsweise wurde der Begriff „Emerging Markets“ überhaupt erst 1981 „erfunden“. Der MSCI Emerging Markets Index entstand sogar erst 1988.

Als Jahre später allmählich klar wurde, dass „World“ im Indexnamen „MSCI World“ eigentlich nicht ganz stimmte, wollte der Indexanbieter MSCI den Namen aus Marketinggründen nicht mehr ändern. Der Index war inzwischen weltbekannt und als Marke dementsprechend wertvoll geworden.

Kritik 2: Der MSCI World ist zu USA-lastig 

Der zweite, sachlich eher relevante Vorwurf an den MSCI World Index lautet, er sei zu USA-lastig. Per Stand 31. Januar 2022 hatten Aktien, die an den US-Börsen notiert sind, ein Gewicht von 69 Prozent im Index. Die Börsen aller übrigen 22 Industrieländer zusammen nur 31 Prozent. Allerdings ist auch diese Erkenntnis alt.

  • Aktueller Kurs: Wo steht der MSCI World gerade?

Das Gewicht der USA im globalen Aktienmarkt lag schon 1950 bei über 50 Prozent, sank dann bis Anfang der 1990er Jahre auf etwa 27 Prozent und kletterte danach langsam wieder auf den heutigen Wert.

Hauptgrund: Die Aktienmarktrenditen in den USA in den vergangenen gut 30 Jahren waren etwas höher als die Durchschnittsrendite aller restlichen Länder. Durch den Zinseszinseffekt führen schon recht kleine Unterschiede in der Jahresrendite auf lange Sicht zu großen Auswirkungen beim Endwert und damit beim Gewicht im Index. Mehr zum Zinseszinseffekt lesen Sie hier.

So lege ich selbst mein Geld an

Das inzwischen sehr hohe Gewicht der USA kann man heute – wie auch 1950 – in der Tat als einen Mangel an Streuung (Diversifikation) betrachten, beziehungsweise als Klumpenrisiko in einem einzigen Staat.

Ich teile diese Einschätzung und dementsprechend haben die USA im Aktienteil meines eigenen ETF-Portfolios und den Portfolios meiner Kunden lediglich ein Gewicht von circa 30 Prozent. Das entspricht ungefähr dem Anteil der USA an der weltwirtschaftlichen Produktion von Gütern und Dienstleistungen.

Kritik 3: Einige Firmen haben zu viel Gewicht

Auch der dritte Vorwurf an den MSCI World-Index hat mit einem Mangel an Diversifikation zu tun. Der Index sei zu kopflastig, weil wenige große Unternehmen darin ein unangemessen hohes Gewicht ausmachen.

Zur Illustration: Die zehn größten Firmen im Index haben derzeit zusammen einen Anteil von 19 Prozent, die übrigen 1.442 kollektiv ein Gewicht von 81 Prozent. Aber auch diese Kopflastigkeit ist nicht neu, sie ist heute nur noch einen Tick stärker als vor beispielsweise fünf oder 15 Jahren.

Nach meiner Erinnerung störte sich damals kaum jemand daran. Darüber hinaus resultiert die Kopflastigkeit notwendigerweise aus der Konstruktionsmethode des Index. Diese Methode hat sich nicht geändert, seit der Index vor rund 35 Jahren entstand. Sie ist überdies die Gewichtungsmethode, die in fast allen Aktienindizes weltweit verwendet wird, die Gewichtung nach dem Börsenwert des einzelnen Emittenten.

Fazit: Mogelpackung ja oder nein?

Der MSCI World ist keine Mogelpackung. Diese Bezeichnung würde unterstellen, dass MSCI diesen Index seinerzeit (a) mit unlauteren Absichten konstruierte und benannte und (b) die Nutzer des Index, ETF-Anleger, noch heute über seine wahren Eigenschaften täuscht. Beides war und ist nicht der Fall.

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Ja, der Indexname erscheint aus heutiger Sicht unglücklich, aber das könnte man auch für unzählige andere alten Produkte und Gegenstände in unserem Dasein sagen. Man wird es auch über die heute neu benannten Dinge in 35 Jahren sagen können.

Viel wichtiger als die Namensfrage sind die anderen beiden Argumente zum Diversifikationsgrad des Index. In dieser Hinsicht kann man zu Recht ein Defizit sehen. Wer diese Auffassung teilt, kann das Defizit mit anderen ETFs jedoch leicht abstellen.

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